|
-
Pracht und fürstliche "repraesentatio"
1.1. "repraesentatio" und höfische Zeichen
1.2. Magnifizenz und dynastische Tradition
1.3. Semiotische und ständische Differenzierung
1.4. Produzenten und Rezipienten höfischer Zeichensysteme
1.5. Innovationen
1.6. Produktion und Rezeption neuer Zeichen
1.7. Alte und neue Zeichen
1.8. Zeichenrepertoire und Decorum
1.9. Hofkunst
|
|
|
1.3.1 Im Gefüge des symbolischen Kapitals eines Fürstenhauses wuchs das relative Gewicht der Magnifizenz in dem Maße, wie die europäische Fürstengesellschaft an Zahl und innerer Differenzierung hinzugewann. Parallel dazu wirkte auch die Eigendynamik aller an der höfischen Repräsentation beteiligter Künste auf die vielfältigen Formen der Prachtentfaltung stark ein. |
|
1.3.2 Insbesondere in der Neuzeit wurden vermehrt gezielte Anstrengungen unternommen, auf regionaler und europäischer Ebene die fürstliche Rangordnung zu verändern. Stets waren solche Vorgänge begleitet von vermehrten Investitionen in die Landes- und Hofkultur. Durch solche Verhaltensweisen wurde einerseits für den Zeitgenossen die Fähigkeit zur Unterscheidung einzelner Fürstenhäusern beträchtlich gesteigert und andererseits wuchs an den Höfen vor allem in Phasen ständischer Dynamik das Verlangen, über je eigentümliche Merkmale und Strategien zu verfügen, solche ständischen Differenzen darstellen zu können. |
|
1.3.3 Das grundlegende Bedürfnis der Fürsten nach Selbstdarstellung führte in Folge territorialer Rivalitäten und vielfältig aufeinander einwirkender Interessenlagen (z.B. bedingt durch Familienbande und intensiveren diplomatischen Verkehr, aber auch durch engere Handelskontakte sowie die Verbreitung neuer Medien) zu einer vermehrten Statuskonkurrenz innerhalb der zusammenwachsenden europäischen Fürsten- und Staatengemein-schaft. |
|
1.3.4 Die Konkurrenz um Status und Prestige erzeugte unter den Mächten, vor allem bei jenen, deren Platz innerhalb der Gemeinschaft adlig-fürstlicher Familien nicht durch eine lange Tradition gefestigt war, einen zumindest unterschwellig wirksam werdenden Zwang zum 'Sich-Auffällig-Machen'. Dies blieb nicht ohne weitreichende Wirkungen auf die innere Entwicklung der Künste. Die Eigendynamik der Künste und die Prachtentfal-tung bei Hofe standen daher in einem engen Verhältnis. |
|
1.3.5 Im Kontext machtpolitischer Strategien versuchten Fürstenhäuser, durch den Einsatz neuartiger Formen der Repräsentation ihren bisherigen Status zu verändern. Dies geschah in der Erwartung, allmählich in einem anderen, höher verorteten sozialen Kontext wahrgenommen zu werden. Solche Aktivitäten zielten oftmals auch auf den Erwerb entsprechender Privilegien ab, welche die Statusveränderung in einem verfassungsrechtlichen Sinne festzuschreiben trachteten. |
|
1.3.6 Dynastien verfügten über ein langes Gedächtnis. Jede von ihnen hatte bereits in ihrer zumeist Jahrhunderte umspannenden Geschichte die Erfahrung großer Siege und schwerer Niederlagen zu verarbeiten gehabt. Daher ist davon auszugehen, daß fürstliches Prestige sehr viel weniger von momentanen politischen Konjunkturen abhing, als es auf den ersten Blick scheinen mag. |
|
1.3.7 Das symbolische Kapital eines Fürstenhauses speiste sich aus verschiedenartigen, voneinander unabhängigen Quellen, so daß dessen Umfang durchaus veränderbar war. Insbesondere der Faktor Magnifizenz zählte zu den Größen, deren Gewicht sich durch gezielte und kontrollierte Maßnahmen beeinflussen ließ. Es ist aber gegenwärtig noch unmöglich, die Höhe des symbolischen Kapitalwerts einzelner kultureller Investitionen, welche der Steigerung der Magnifizenz dienten, zu veranschlagen. |
|
1.3.8 Auf Herausforderungen bzw. Veränderungen in der höfischen Repräsentation reagierten altetablierte Fürstengeschlechter nicht zwangsläufig mit der Einführung eigener Innovationen im Kontext ihrer höfischen Zeichensysteme. Es konnte vielmehr auch dazu kommen, daß man sehr pointiert an alten, nicht zu bestreitenden Zeichenmustern dynastischer Geltung bewußt festhielt. |
|
1.3.9 Der Zeichencharakter eines alten Stammschlosses, aber auch der Glanz ererbter Sammlungsbestände sowie das hohe Alter eines Geschlechtes büßten im Laufe der Jahrhunderte ihren symbolischen Kapitalwert nicht ein. Im Gegenteil, sie zählten zu jenen Faktoren im Prestigegefüge des hohen Adels, welche sich schwerlich durch einen noch so großen Aufwand an neuen Zeichen auf Dauer substituieren ließen. So erklärt sich auch die Rolle von Hauskleinodien, deren Bedeutung über Jahrhunderte konstant blieb. Früh-zeitig erklärte man einzelne kostbare Kunst- und Gebrauchsgegenstände zum unveräußerlichen Familienerbe. Bekannt ist das Beispiel der Landgrafen von Hessen von 1584. |
|
1.3.10 Verschiedene politische und kulturelle Anlässe haben den allenthalben zu beobachtenden Zuwachs an Pracht angestoßen und weiter beschleunigt. Der Aufstieg von Staaten und Fürstenhäusern, welche sich aus dem überkommenen mittelalterlichen Ordnungsgefüge, geprägt durch die Vorherrschaft von Papst- und Kaisertum, lösten, gehörte gewiß zu den Vorgängen, welche den Bedarf an Gütern von hoher Zeichenhaftigkeit stark anregten. |
|
1.3.11 Die partielle Zerstörung der altkirchlichen Hierarchie im 16. Jahrhundert durch die Reformation konnte ebenfalls nicht ohne Einfluß auf den Umgang mit den Zeichen höfischer Magnifizenz bleiben. Einige protestantische Fürstenhäuser zeigten Distanz und Zurückhaltung gegenüber künstlerischen Ausdrucksformen und Zeichensystemen, welche man als spezifisch katholisch empfand. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die protestantischen Staaten, um den Glanz der alten Kirche nach innen und außen zu substituieren, nach neuartigen Ausdrucksformen der Magnifizenz strebten. |
|
1.3.12 Die kräftezehrenden dynastischen Staatenkonflikte im 15. Jahrhundert, zwischen 1580 und 1660, aber auch um 1700 in Mitteleuropa haben auf politischer Seite immer wieder einer partiellen Neuordnung der Prestigehierarchie unter den europäischen Fürstenfamilien vorgearbeitet. Dabei mußten die Ergebnisse von zwischenstaatlichen Verträgen und neu geschaffenen Thronfolgeordnungen stets zeichenhaft geltend gemacht wer-den, um allgemein anerkannt zu werden. |
|
1.3.12.1 Ein bemerkenswertes Beispiel für den Kampf der Fürstenhäuser mittels höfischer Zeichen, um ihren Anspruch auf Vorherrschaft zu demonstrieren, bietet das Verhalten des französischen und der spanischen Herrscherhauses im Rom der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. An diesem Ort, der für die katholische Welt nach wie vor überragende, auch politische Bedeutung besaß, errichtete man Denkmäler und Bauten, veranstaltete Feste, Feuerwerke und kirchliche Feiern, welche auf die Verdienste der jeweiligen Monarchie verwiesen, um den politischen Gegner in den Augen des päpstlichen Hofes, des Volkes von Rom und eines internationalen Publikums zu übertreffen. |
|
1.3.13 Die außereuropäische Expansion veränderte das kulturelle und ökonomische Res-sourcenpotential der europäischen Fürstenhäuser grundlegend. Dies blieb längerfristig betrachtet nicht ohne Einfluß auf die dynastische Selbstdarstellung. Mit dem kostspieligen und höchst exklusiven Import exotischer Waren und Materialien eröffnete sich den Höfen ein breites Feld, Zeichenhaftigkeit zu demonstrieren. |
|
1.3.14 In ihrer Gesamtheit betrachtet trugen diese Veränderungen im politischen und wirt-schaftlichen Gefüge Alteuropas dazu bei, daß sich der fürstliche Gestaltungsspielraum bei der Handhabung höfischer Zeichensysteme kontinuierlich erweiterte. |
|
1.3.15 Zeitgleich, aber auch phasenverschoben zu den politischen Vorgängen wirkte eine Eigendynamik der "Künste" nicht minder stark auf die Entfaltung höfischer Pracht ein. So trugen Innovationsschübe in einzelnen Kunstgattungen dazu bei, durch die ihnen in-newohnenden Komplexitätssteigerungen höfische Zeichensysteme zu verfeinern und stärker zu differenzieren. Dies galt u.a. für die Malerei ebenso wie die Möbelherstellung. |
|
1.3.16 Die durch die Dynamik der "Künste" veränderten Möglichkeiten der Prachtentfaltung blieben nicht ohne Einfluß auf den höfischen Lebensstil. Auf Grund eines geringeren Grades an formaler und künstlerischer Differenzierung der Zeichen stand daher im 16. Jahrhundert einem Herrscher ein kleineres Repertoire als im 18. Jahrhundert zur Verfügung |
|
1.3.17 Der fortschreitende Buch- und Bilderdruck stellte einen gemeineuropäischen Kennt-nisstand höfischer Strategien zur Entfaltung von Pracht her, welcher es den höchsten Statusgruppen innerhalb der Fürstengemeinschaft weitgehend unmöglich machte, sich allein auf die Wahrung lokaler Traditionen der medialen Selbstdarstellung zurückzuziehen. |
|
1.3.18 Das militärische Element in Gestalt des Feuerwerks und die Einbindung von paradie-renden Truppenkontingenten in höfische Repräsentationsformen beruhte auf technisch-taktischen Veränderungen, welche in einem anderen, nicht höfischen Kontext initiiert worden waren. Gleichwohl fand man Wege, diese Innovationen im Rahmen von Fest und Zeremoniell gezielt einzusetzen, um die höfische Pracht zu steigern. |
|
|