Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur e.V.
Startseite
Ziele des Arbeitskreises
Vorstand und Adressen
Bisherige Tagungen
Künftige Tagungen
  Publikationen
Publikationen Online
P.M.Hahn/U.Schütte
"Thesen"
1. Pracht und fürstliche "repraesentatio"
2. Deutungsmuster und höfische Lebenswelt
3. Rezeptionsweisen
4. Räumliche Kontexte - Höfische Räume
5. Das lange Ende der höfischen Zeichen
Literaturhinweise
Nächste Mitgliederversammlung
Impressum
Thesen zur Rekonstruktion höfischer Zeichensysteme
 in der Frühen Neuzeit
  1. Pracht und fürstliche "repraesentatio"
    1.1. "repraesentatio" und höfische Zeichen
    1.2. Magnifizenz und dynastische Tradition
    1.3. Semiotische und ständische Differenzierung
    1.4. Produzenten und Rezipienten höfischer Zeichensysteme
    1.5. Innovationen
    1.6. Produktion und Rezeption neuer Zeichen
    1.7. Alte und neue Zeichen
    1.8. Zeichenrepertoire und Decorum
    1.9. Hofkunst
1.1 "repraesentatio" und höfische Zeichen
1.1.1 Höfische Zeichen stifteten Bedeutung innerhalb historisch, sozial und politisch defi-nierter Gesellschafts- und Kommunikationsformen. Diese Zeichen konnten die Darstellung ("repraesentatio") dessen, worauf verwiesen wurde, zu einem substantiellen Teil des Dargestellten selbst werden lassen. Die Zeichen waren dem Dargestellten nicht äußerlich. Höfische Zeichen waren immer konkret und anschaulich. Auch dann, wenn die Zeichen eine allgemeine 'Idee' (des fürstliches Hauses, der fürstlichen Tugend etc.) darstellen sollten, blieb die Produktion und Rezeption der Zeichen gebunden an die fürstlichen Personen als Individuen und Teile eines "Hauses".
1.1.2 Zeichen benannten den außergewöhnlichen Status des Herrschers mit seiner Familie, der eine soziale exklusive Verwendung der Zeichen garantierte und den Fürsten damit einen besonderen Wert zusprach. Zeichen und Zeichenträger verwiesen somit wechselseitig aufeinander. Diese Argumentationsmuster zur Etablierung und Sicherung weltlicher Macht waren letztlich theologischem Denken und damit der jüdisch-christlichen Tradition entlehnt. Wie der "Glanz" und die "Herrlichkeit" Gottes seine absolute Stellung vor den Augen aller Gläubigen deutlich machte, so wirkten in gleicher Weise alle höfischen Zeichen und alle Herrschaftsinszenierungen, der sich die Fürsten als weltliche Stellvertreter Gottes bedienten: Die Zeichen der fürstlichen Macht und Hoheit überwältigten die Sinne all derer, die je nach ihrem Rang in den fürstlichen Herrschaftsraum einbezogen waren.
1.1.3 Viele Zeichen und Zeichengattungen, die in der höfischen Welt Verwendung fanden, waren vorgeprägt durch einen langen religiösen Gebrauch. So konnte das, was als Abglanz der "Herrlichkeit" Gottes die christlichen Kulträume und Kultformen seit der Spätantike geprägt hatte, auch zur Sicherung der fürstlichen Herrschaft eingesetzt werden, um unterschiedliche soziale und politische Interessen innerhalb der fürstlichen Herrschaftsordnung regulierend auszugleichen.
1.1.4 Die unmittelbare Anschaulichkeit höfischer Zeichen (ihre Konkretion im Sinne von 'Verwachsung') band diese an Personen, Orte und Anlässe ("casus"). Raum und Zeit wurden damit konstituierende Bedingungen jedweder Zeichenproduktion und deren Rezeption.
1.1.5 Zeichen der fürstlichen Welt waren gerade wegen dieser Eigenschaften elementarer Teil höfischer Kommunikation im Zeremoniell, im Divertissement sowie im Alltag.
1.1.6 Störungen bei der Verwendung höfischer Zeichen (Mißverständnisse, inszenierte Provokationen, divergenter Gebrauch nationaler Zeichenidiome etc.) konnten daher auch nicht die Grundlagen des Zeichensystems berühren. Abweichungen wurden immer wieder aufgefangen durch andere Mechanismen der Konfliktregelung (Krieg, Duell, soziale Ächtung etc.).
<< zurück nach oben weiter >>